Nachlese Februar: Janice Jakait mit „Tosende Stille“, Verlag Scorpio

10668921_817654258269595_4031982589256915388_o

„Senf wäre jetzt nicht schlecht“
Von einer Reise übers Meer und zu sich selbst – Janice Jakait über ihre waghalsige Atlantik-Tour

Ziemlich zu Anfang des Lesungsabends im Neuen Rathaus sagt sie es selbst, die Abenteurerin, Glückssucherin, Ruderin und Sinnsucherin Janice Jakait:
Es sind die eigenen Erwartungen, denen wir oft genug auf den Leim gehen und die uns in die Irre führen.
So oder ähnlich dürfte das auch manchem Gast des Abends gegangen sein, zu dem eine Extremsportlerin angekündigt war, die in knapp 90 Tagen 6.500 Kilometer allein in einem Ruderboot auf dem Atlantik verbrachte.
Klappentexte werden von Verlagen geschrieben, Autoren und Bücher gehen oftmals eigene Wege. Mit Janice Jakait war eine Frau nach Wilster gekommen, schon zu Beginn klarmachte, wie weit das eine vom anderen entfernt sein kann.
Dass sie sich aus Sport nichts mache, und auch nicht aus Rudern und dass es bei ihrem „Himmelfahrtskommando“ auch nicht um sportliche Höchstleistungen gegangen sei, daraus macht die Autorin ebenso wenig einen Hehl wie aus der Tatsache, dass ihr ganzes waghalsiges Unternehmen weniger einem lang gehegten Lebenstraum denn mehr einer akuten Lebenskrise entsprungen war. Und auch sonst zeigt sie sich offen, direkt und an vielen Stellen in ihren Schilderungen auf eine merkwürdig anrührende Weise auch schonungslos gegenüber sich selbst.
„Alles braucht seine Zeit, auch das Begreifen, dass es irgendwann zu spät ist.“ Das ist einer dieser Kloß-im-Hals-Sätze, der da ganz zu Anfang ihres von vielen Bildaufnahmen begleiteten Vortrages von der Leinwand prangt. Und tatsächlich dürften viele Zuhörer an vielen Stellen der Schilderungen auch ein bisschen sich selbst wiedergefunden haben, denn Janice Jakait war mit Sicherheit nicht die einzige im Saal, die dem Sinn des Lebens, dem Zweck unseres Daseins auf Erden und vielen anderen klugen Antworten auf philosophische Fragen auf der Spur ist. Aber sie war beileibe die Einzige, die aus diesem Grund in ein beengtes Ruderboot stieg, sich gerade einmal zwei Jahre Vorbereitungszeit gönnte und im Grunde sich und ihr Leben nach eigenen Schilderungen weitgehend ahnungslos dem Schicksal auf See überließ.

Seemannsgarn wird bekanntlich auf See gesponnen, insofern bleibt ein bisschen unklar, was nun sympathische Koketterie oder aber eiskalt akzeptierte Selbsteinschätzung ist – Jakait jedenfalls will erst gar nicht den Eindruck erwecken, aufgrund ihrer zweifellos auch sportlichen Leistung honoriert und gewürdigt zu werden. Ihr geht es um anderes – sie schildert ihren Lesern den Weg, den sie für sich als Ausweg aus gefühlter Sinnlosigkeit und Leere ihres „alten“ Leben begriffen hat. Dass sie sich dabei solcher immer wieder auch unmenschlichen Strapazen ausgesetzt sah, das quittiert sie sich selbst und ihrem Publikum gegenüber mit viel Humor und der Erkenntnis, über ein „enormes Ego und Selbstdarstellungstrieb“ zu verfügen.
Man musste sich einlassen an diesem Abend – auf den Menschen Jakait, auf persönliche Motive und eine Spurensuche, die – vermutlich – noch immer nicht ganz zu Ende ist. Wer das nicht konnte und wollte und sich viel eher für die technischen und sportlichen Aspekte der unglaublichen Tour interessiert hatte, der dürfte – auch zeitlich – auf eine Probe gestellt worden sein. Dabei müsste eigentlich klar gewesen sein: Wer sich solchen Extremen aussetzt, wer so vieles mit sich selbst, mit der Natur und ihren Kräften und letztlich auch mit seiner Umgebung auszufechten hatte, der hat auch einiges zu erzählen.
So wurde aus der tosenden Stille ein munterer Erzählabend.
„Ich habe das Glück gesucht. Und mich selbst gefunden. Mehr geht nicht“, berichtet Jakait am Tag darauf beim NDR in Hamburg im Gespräch mit Moderator Hinnerk Baumgarten.
Mehr muss auch nicht.

Mein Fazit: Fast auf den Tag genau vor drei Jahren beendete Janice Jakait ihre abenteuerliche Seereise. Daraus wird auch für Leser und Zuhörer eine Reise, die von hoher See, Wasser, Wellen und Wind weg sich immer wieder dem Inneren und der Motivation der Autorin zuwendet. Mich haben sowohl die Person Jakait wie auch ihre Schilderungen während der Lesung für ihr Buch begeistert.
Diese Reise dauerte 90 Tage, sie war 6.500 Kilometer lang, wurde aus eigener Kraft bewältigt, hielt haushohen Wellen und der Einsamkeit stand. Brachte wunderbare Begegnungen mit der Weite der See, den Kräften der Natur, Sturmschwalbe Murphy, Walen und Haien. Sie brachte Wunden und Schmerz, Lebensgefahr und Selbsterkenntnis. Startpunkt war die Südküste Portugals. Ziel Barbados. Ihr Zuhause für 90 Tage war 7,20 Meter lang, schmal, nass und über einer Tonne schwer, ein Spezialboot – eine Hightech-Nussschale.
So viel zu den Fakten.
Nun freue ich mich auf eine Lesereise, bei der die ich ohne Erwartungen in ein Boot steige, um lesend den Atlantik zu überqueren. Ich bin gespannt auf die Innansicht eines Menschen, der vieles wagte, um nicht alles zu verlieren. Und ganz besonders freue ich mich auf die Passage, in der für Jakait ein bisschen Senf zur fixen Idee wird, nachdem sie gerade so mit dem Leben davon gekommen war in einem mächtigen Sturm.

Wir können eben überall hin reisen, auch bis ans Ende der Welt. Wir nehmen uns dabei immer selbst mit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s