Dunkel die Seele, feige das Maul?

Es ist so dick und es wiegt schwer.
Und nicht leicht zu lesen ist es auch dieses Buch, weil man mit der Bitterkeit klarzukommen hat, mit der Wut und dem Entsetzen des Autors. Und mit der Gewissheit, dass diese in all den Jahren, da er sich mit der Thematik befasst und sich ihr stellt, eher mehr denn weniger geworden sind.

Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizieren reinwaschen Dietz Verlag, Bonn 584 Seiten 29,90 Euro

Niklas Frank beschreibt über 577 Seiten hinweg das, was ab Juli 1945 als sog. „Entnazifizierungsprozess“ dafür sorgen sollte, die deutsche und österreichische Gesellschaft, Kultur, Presse, Ökonomie, Justiz und Politik von den Einflüssen des Nationalsozialismus zu befreien.
„Wie skandalös und komisch sich die Deutschen beim Entnazifizieren reinwaschen“ lautet der Untertitel zu seinem aktuellen Buch „dunkle seele feiges maul“ . Er nimmt schon einiges vorweg und gibt auch einen Hinweis auf Franks recht eigenwillige Form von Humor, die ihm vielleicht auch der größte Schutz gegen sämtliche gewonnene Erkenntnis geworden sein könnte.

Die Wut treibt ihn um, sie springt einen förmlich an von jeder Seite dieses und seiner vorangegangen Bücher zum Thema.
Wer seine Familiengeschichte nicht kennt, der wird sich schwer tun mit diesem Zorn, der keine Rücksichtnahme und kein Pardon kennt, am allerwenigsten dann, wenn es um den eigenen Vater und die eigene Mutter geht. Und wer sie kennt, der wird das Gefühl nicht los, es schriebe sich ein Mensch Finger und Seele wund.

Niklas Frank, sein Vater Hans Frank wurde als „Judenschlächter von Krakau“ und Generalgouverneur von Polen ein Teil der deutschen Geschichte und infolge der Nürnberger Prozesse zum Tode verurteilt und hingerichtet, hat in den Staatsarchiven der Bundesländer rund 3.000 Akten gesichtet. Aus etlichen Verfahren konzentriert sich das Buch, neben einigen prominenteren Angeklagten, vor allem auf die Geschichten weitgehend unbekannter Nazis, „die das unmenschliche System gestützt und bejubelt haben, ihre Mitmenschen denunzierten, bei der Judenverfolgung wegsahen und sich bei den Mächtigen anbiederten“.

„Plötzlich mussten sie für ihre Gesinnung geradestehen und entwickelten erstmals Mut – den Mut zur Feigheit“, heißt es im Klappentext.

In seinem Vorwort vermerkt Frank gewohnt bissig: „Nie wurde ich bei meiner Arbeit im Archiv von anderen Besuchern gestört, die mich zum Beispiel mit der Frage angeschnauzt hätten: >>Was machen Sie da mit den Entnazifizierungsakten meines Vaters, der als Obersturmbandführer so tapfer gegen die Nazis kämpfte?<< Oder: >>Dass meine Oma eine Denunziantin war, geht Sie einen Dreck an!<<

„Sie alle verweigern die private Auseinandersetzung mit der dominierenden Charaktereigenschaft der Deutschen: Der Feigheit“, stellt Frank kategorisch fest, und diese Kompromisslosigkeit in der Sache lässt vermuten, warum die einen ihn und seine schonunglose Abrechnung mit der Schuld der Deutschen bewundern und die anderen ihn ablehnen.
Um die während der nationalsozialistischen Herrschaft begangenen Verbrechen und deren Täter einer möglichen Strafverfolgung unterziehen zu können, wurden die betreffenden Personen in fünf Kategorien eingeteilt, man sprach von Hauptschuldigen (Kriegsverbrecher) / Belasteten (AktivistenMilitaristen und Nutznießer) / Minderbelasteten (Bewährungsgruppe) / Mitläufern  sowie Entlasteten, die vom Gesetz nicht betroffen waren.

3,66 Millionen dieser Akten liegen in den Bundesländern in den Archiven bereit. Jeder nahe Angehörige hat das Recht, die Akte seines Verwandten einzusehen.
Frank gelangt zu der Auffassung, dass nach wie vor kaum einer der Millionen deutscher Nachkommen sich tatsächlich für die Wahrheit seiner Nazi-Vorfahren interessiere. „Die tollsten, absurdesten, witzigsten und widerwärtigsten Geschichten habe ich gefunden. Ich wusste gar nicht, was für ein saukomisches Volk wir Deutschen sind – allerdings unfreiwillig komisch!“, gibt er in einem Interview mit BuchMarkt zu Protokoll.

„Wie bereits mit seinen vorherigen Büchern (Der Vater, 1987, Meine deutsche Mutter, 2005, Bruder Norman!, 2013) macht Frank mit „dunkle seele feiges maul“ den Versuch, verinnerlichte Haltungen des Nazismus exemplarisch vorzuführen, kommentierend zu überwinden und zu zeigen, wie wirkmächtig sie bis heute sind. Franks Thema sind die gewalttätigen, antihumanen, antizivilisatorischen Traditionen Deutschlands nach der Schoa. Zu diesen Traditionen gehören jedoch nicht nur Hass, Missgunst und Neid, sondern auch verweigertes Mitgefühl, Gefühlskälte, Unfähigkeit zu Reue, Scham und Versöhnung“, fasst es Martin Jander für die Jüdische Allgemeine in einem Artikel zusammen.

Als seien damals über Nacht aus überzeugten Nationalsozialisten und Mitläufern überzeugte Demokraten geworden, so staunt man neuerdings über erstarkenden Nationalismus, Rassismus, Rechtsextremismus und unverhohlen zur Schau getragene Fremdenfeindlichkeit. Der mögliche Einfluss der gescheiterten Entnazifizierung, so möchte man meinen, findet dabei kaum Beachtung.
„Lasst uns mit eurem Schuldkult in Frieden“ – sie werden laut und lauter, die Stimmen derer, die am liebsten längst den bequemen Schlussstrich gezogen hätten oder die  – schlimmer noch – verharmlosen, klein reden, relativieren oder gar leugnen, was geschehen ist. Vor diesem Hintergrund kommt Niklas Frank zu dem Schluss, „dass ein direkter Weg von damals zum heutigen Verhalten der schweigenden Mehrheit der Deutschen führt.“

Der ehemalige STERN-Journalist und Autor ringt mit einem Trauma, macht seine Wut immer wieder öffentlich, und präsentiert seinen Lesern einen zufälligen Querschnitt der Lügengebäude der Nachkriegszeit: Empathie, Zweifel, Einsicht – Fehlanzeige.

Am Sonntag, dem 18. Februar 2018, haben die Stadtbücherei Wilster und der Verein Leselust e.V. Niklas Frank auf ein Gespräch in den Spiegelsaal im Neuen Rathaus in Wilster eingeladen. Durch den Abend führt Karin Dietrich-Olsen, Juristin und Mitglied im Vorstand von Leselust e.V.. Die Veranstaltung beginnt um 19:30 Uhr, der Eintritt ist frei. Bitte melden Sie sich, wie gewohnt, vorab telefonisch an unter Telefon 04823/921336.
Wir freuen uns auf einen interessanten und informativen gemeinsamen Abend.

/Heike Pohl

 

 

Ein Kommentar zu “Dunkel die Seele, feige das Maul?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s